Kann diese Scheiße bitte aufhören?

Gestern, zur Mittagszeit, wurde im hessischen Hanau eine Radfahrerin von einem rechtsabbiegenden LKW überfahren. Ebenfalls gestern, am Abend, wurde in Hamburg eine 86-jährige Fußgängerin mit Gehstock von einem LKW überfahren. Beide Frauen hatten grün, als sie jeweils an einer Ampel die Fahrbahn überquerten.

Die Radfahrerin ist tot.

Die Fußgängerin schwebt noch in Lebensgefahr.

Heute kein Bild.

Aber ein paar Gedanken zum Thema:

Die Fußgängerin kam ziemlich sicher nicht plötzlich und rücksichtslos um die Ecke geschossen. Ja, es gibt auch Fußgänger, die Autofahrern Mittelfinger zeigen oder ihnen Schimpfworte zurufen, aber das habe ich jetzt schon geschrieben und ich möchte es nicht noch mal lesen! Schon gar nicht im Zusammenhang mit diesem Post.

Zu dem Ereignis in Hanau gab es interessante und entlarvende Kommentare bei Facebook.

Auf die Debatte über den toten Winkel habe ich schon gar keine Lust mehr. Bei korrekt eingestellten Spiegeln gibt es den toten Winkel nicht. Jedenfalls nicht bei LKW, die in den letzten ca. 19 Jahren zugelassen wurden. Ältere Fahrzeuge sind extrem selten im Verkehr anzutreffen. (Und: bei beiden Ereignissen waren es neuere LKW und die erforderlichen Spiegel waren vorhanden.) Verschiedene Polizeibehörden, der ADAC, die DEKRA, der TÜV und einige andere veranstalten immer noch Info-Veranstaltungen über den toten Winkel, aber nicht mit dem Ziel, den LKW-Fahrer*inne*n beim Einstellen der Spiegel zu helfen, sondern mit abgehängten oder abgeklebten Spiegeln (ja, wirklich!) Blödsinn zu demonstrieren, den schwächeren Verkehrsteilnehmer*inne*n eine Mitschuld zu geben, und schlecht eingestellte Spiegel und Nichtgucken weiter zu bagatellisieren.

Ich habe übrigens einen Führerschein Klasse CE. Um vor Fahrtantritt meine Spiegel richtig einzustellen benötige ich maximal drei Minuten.

Der krasseste Kommentar aber war, dass es mit einem schweren LKW nicht möglich sei, langsam abzubiegen oder kurz anzuhalten um in Ruhe in die Spiegel zu schauen. (Erklärt das etwa auch, warum LKW öfter mal über Rot fahren? Weil man damit so schlecht anhalten kann?)

Ähnlich krass ein Kommentar, auf den ich hingewiesen wurde, nachdem ich diesen Text schon bei Facebook veröffentlicht hatte: Man könne dem LKW-Fahrer keine Schuld geben, solange er geblinkt habe. Dann hätte die Radfahrerin aufpassen müssen. Man stelle sich das umgekehrt vor: Hand raus und schwups, die Radfahrerin darf fahren. Der LKW hätte ja aufpassen müssen. Ist glücklicherweise nicht so geregelt, aber dass Menschen mit dieser Einstellung am Verkehr teilnehmen macht mir immer wieder Angst.

Ein Gesetzesvorschlag, der Abbiegesituationen wie die in Hanau entschärfen soll, wird derzeit von der Regierungskoalition im Bundestag blockiert. Mit der Begründung, er würde Fahrradfahrende privilegieren. Es ist übrigens auch ein Privileg, mich im Parlament zu vertreten. Ich werde das bei der nächsten Wahl berücksichtigen.

Zu dem Ereignis in Hamburg ist nach meinem Kenntnisstand unstrittig, dass die Fußgängerin bei grüner Ampel die Fahrbahn betreten hat. Es sind an der Stelle sehr viele Spuren, die man überqueren muss. Mir passiert es regelmäßig an vergleichbaren Kreuzungen, dass die Ampel auf rot springt, bevor ich drüben bin. Es steht hier der Verdacht im Raum, dass es der Dame gestern genauso erging. Und dass der LKW schon grün bekam, als sie noch nicht ganz drüben war. Und einfach losgefahren ist, obwohl die Fußgängerin sich direkt vor dem LKW befand.

Auf die Forderung nach längeren Räumzeiten für Fußgänger an breiten Straßen (also längere Grünphasen bzw. ein längerer zeitlicher Abstand zwischen dem Rot für Fußgänger und dem Grün für kreuzende Fahrzeuge) hat unser Bundesverkehrsminister jüngst reagiert: Er meinte, Senioren sollten Fitnesskurse belegen, um schneller laufen zu können. BeScheuert, wenn Ihr mich fragt!

Letztes Jahr sind 400 und ein paar zerquetschte Menschen, die zu Fuß gingen oder Fahrrad fuhren, unschuldig durch LKW getötet worden. Dieses Jahr geht es so weiter.

Kann diese Scheiße bitte aufhören?

Porzellanmalerei

Es müsste in der fünften oder sechsten Klasse gewesen sein. 1989 oder 1990. Die halbe Klasse drängte sich ins Jungsklo. Kurz vorher war der Klassenkamerad triumphierend dort herausgestürmt: “Das müsst Ihr Euch angucken! Ich habe ein ‘L’ geschissen.” (Enabling Technology: Flachspüler.)

Inzwischen haben wir 2017. Über 7.000 “Erwachsene” haben im Internet feierlich gelobt, an jedem Tag im April mit dem Fahrrad zu fahren und auf Facebook oder Twitter oder Instagram (oder Facebook und Twitter und Instagram) täglich darüber zu berichten, unter dem Hashtag #30daysofbiking. Aus diesem Grunde (und nicht auf Porzellan, aber ich bin mindestens genauso stolz):

Das müsst Ihr Euch angucken! Ich habe eine ‘4’ gefahren. (Enabling Technology: Smartphone mit GPS.)

#30daysofbiking day 4 again / #myfirst #gpsdrawing #fürblödeideeabendsnochmalraus #hamburgbromptonpower

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Besuch auf der “Reisen Hamburg”

Pics or it didn’t happen! Aber irgendwie war mir einiges wichtiger als Fotos…

Die Familie und ich waren nicht auf der Messe “Reisen Hamburg” in den Hamburger Messehallen. Thema der Messe war Reisen, gegliedert in Reisen mit Wohnwagen oder Wohnmobil, Reisen in andere Länder (also Baltikum, Bayern, Bergedorf, Dänemark, usw.), und Reisen mit dem Fahrrad.

Auch wenn ich mir von dem Thema Fahrrad einiges mehr bzw. anderes versprochen hatte, völlig umsonst war der Besuch der Messe nicht. Zusammenfassen würde ich den Themenbereich “Fahrrad” mit folgender Aufzählung: Klamottenverkauf, Fitnessgeräte (die größtenteils mit “Fahrrad” nicht zu tun haben), Veranstaltungsbühne mit mich ansprechenden Vorträgen (die aber die Geduld meiner Kinder überstrapaziert hätten), E-Bikes, E-Bikes, E-Bikes, und eine ca. Tennisplatz-große Fläche zum Testen von E-Bikes.

Auf der Test-Fläche habe ich dann zwei E-Lastenräder probegefahren. Ein zwei-rädriges Riese & Müller Packster, jeweils mit zwei Kindern in jeder denkbaren Kombination vollbesetzt, und ein dreirädriges Babboe Curve-Elektro, in dem alle drei Kinder gleichzeitig Platz fanden (und Gepäck oder ein viertes Kind hätten auch noch reingepasst).

Die Kinder fanden es großartig. “Schneller!” war eindeutiges Feedback. Auch ich kann beiden Konzepten etwas abgewinnen: ins Babboe Curve passen alle Kinder, während das Fahren mit dem Riese & Müller Packster tatsächlich Spaß macht. Ich lasse das jetzt mal so stehen. Platz zum Parken eines Lastenrades habe ich zur Zeit nicht. Auch sonst ist das kein echter Bedarf. Ob ich die Unterstützung eines Elektromotors brauche sei dahingestellt. Aber es gäbe ggf. ja auch noch Bullitt oder “Babboe nicht Elektro”.

Die sonstigen Highlights der Messe waren dann für uns noch Wüsten-taugliche Wohnmobile auf MAN-Fahrgestellen, ein Hochseilgarten und das Torwandschießen mit Geschwindigkeitsmessung.